Impuls: “Zukunft menschlich gedacht” – Perspektivübernahme 💜

Veröffentlicht von Torge Krämer
Dieser Text zum Thema Perspektivübernahme ist Teil der Impulsreihe „Zukunft menschlich gedacht“. Ziel ist es, gemeinsam neue Blickwinkel auf die Apotheke zu öffnen – ehrlich, menschlich und auf Augenhöhe. Kein fertiges Konzept, sondern offene Impulse, die zum Mitdenken und Weiterspinnen einladen. 💜
Perspektivübernahme
Moin Ihr lieben Apotheken-Menschen,
es gibt diese Momente, da reichen keine Zahlen, kein kluges Argument, kein schneller Perspektivwechsel. Was wirklich verbindet, ist etwas Tieferes: das Mitfühlen, das sich Hineinversetzen, das Verstehen aus dem Inneren heraus. Genau hier beginnt Perspektivübernahme. Eine leise, aber kraftvolle Fähigkeit, die weit über den klassischen Perspektivwechsel hinausgeht und empathisches Einfühlungsvermögen voraussetzt.
Mit Empathie tiefer verstehen
Während der Perspektivwechsel als ein bewusster kognitive Prozess verstanden wird, bei dem wir unsere eigene Sichtweise verlassen, geht Perspektivübernahme noch einen Schritt weiter: Sie bezeichnet die Fähigkeit, sich sowohl gedanklich (kognitiv) als auch emotional (affektiv) in das Erleben eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Es geht nicht nur darum zu verstehen, was jemand sieht oder denkt, sondern auch wie es sich für diese Person anfühlt.
In der Psychologie ist Empathie ein Grundbestandteil für diese Art der Perspektivübernahme. Also die Fähigkeit, die Gedanken, Emotionen und inneren Zustände eines Gegenübers möglichst genau nachzuvollziehen. Sie ist die Grundlage für soziale Intelligenz, für Bindung, für bedachtes Führen und für moralisches Handeln. Also für ein gesundes Miteinander.
Wozu das alles im Apothekenalltag?
In Eurem Alltag begegnet Ihr Menschen in Ausnahmesituationen: besorgte Eltern, chronisch Erkrankte, überforderte Angehörige, unsichere Kolleg:innen, frustrierte Kund:innen. Wer sich wirklich in diese Lebensrealitäten hineindenkt und hineinfühlt, erkennt mehr als Symptome oder Anforderungen. Man erkennt Menschen.
- Wer sich in eine junge Mutter einfühlt, sieht nicht nur eine Rezeptpflichtigkeit, sondern Verantwortung und Angst.
- Wer sich in den neuen Kollegen versetzt, erkennt nicht nur Unsicherheit, sondern auch den Wunsch, dazuzugehören.
- Wer sich in die Kundin mit Sprachbarriere hineindenkt, versteht: Hier geht es um mehr als nur um ein Medikament. Es geht um Würde, Vertrauen und Augenhöhe.
Verbindung statt Bewertung
Perspektivübernahme ist mehr als nur ein „Soft Skill“. Sie ist eine soziale Kraft:
- Im Kund:innengespräch kann sie jenseits von Preis und Tempo echte Bindung schaffen.
- Im Team öffnet sie Türen, wo sonst Missverständnisse entstehen würden.
- In der Führung wird aus Steuerung echte Begleitung.
- Im Wandel wird aus Widerstand Beteiligung.
Und nach meiner Erfahrung genügt manchmal ein einziger Moment des echten Verstehens, um langfristiges Vertrauen zu schaffen.
Eine persönliche Erkenntnis
Als ich mit Apoanimo begann, hatte ich den Wunsch, jede besuchte Apotheke auf Instagram sichtbar zu machen. Zum einen als Zeichen der Wertschätzung und zum anderen, um meinen Reisen mehr Transparenz zu verleihen. Aus meiner Perspektive: eine schöne Idee.
Doch etwas hakte. Erst durch gezielte Perspektivübernahme verstand ich: In einem stark reglementierten Umfeld wie der Apotheke, kann so ein Vorschlag Unsicherheit auslösen. Plötzlich war mein gut gemeinter Impuls ein möglicher Stressor. Also habe ich umgedacht.
Das war kein Rückschritt, sondern ein Entwicklungsschritt. Denn genau darin liegt die Kraft von Perspektivübernahme: Sie hilft nicht nur besser zu handeln, sondern auch stimmiger.
Sidefact: Wenn Mitgefühl kippt
Was kaum jemand offen anspricht: Wer besonders empathisch ist, läuft Gefahr, sich auf Dauer anzupassen, auch an egozentrisch handelnde Menschen. Perspektivübernahme kann dann zur stillen Übernahme von Verhaltensmustern führen, die eigentlich nicht den eigenen Werten entsprechen.
Deshalb gilt: Diese Fähigkeit ist stark, aber nicht grenzenlos. Wer sie bei Menschen einsetzt, die vor allem um sich selbst und eigene Vorteile kreisen, läuft Gefahr, die eigene Mitte zu verlieren. Für echte Begegnung braucht es Gegenseitigkeit. Daher ist es ratsam, die Perspektivübernahme bei egozentrisch denkenden Personen nicht zu häufig zu nutzen, damit Ihr langfristig nicht Euer moralisches Handeln verliert.
Einladung zur Übung
Ich lade Dich ein, heute einen kleinen Moment bewusst anders zu erleben. Vielleicht bei einem Gespräch, das sonst schnell geht. Oder bei einer Person, die Du schon gut zu kennen glaubst.
- Was könnte mein Gegenüber gerade wirklich brauchen – emotional, nicht fachlich?
- Wie fühlt sich die Situation aus ihrer oder seiner Lebenswirklichkeit an?
- Was würde mir helfen, wenn ich in dieser Lage wäre?
Es geht nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, präsent zu sein.
Drei Reflexionsfragen zum Mitnehmen
- Wann habe ich zuletzt gespürt: „Ich sehe Dich“ und was hat das verändert?
- Wo übersehe ich vielleicht zu schnell die Geschichte hinter dem Verhalten?
- Wie kann ich mir im Alltag mehr Raum schaffen, um Menschen wieder ganz zu sehen?
Ein Gedanke zum Schluss
Perspektivübernahme macht uns nicht perfekt. Aber sie macht uns offen. Und manchmal auch verletzlich. Denn wer mitfühlt, riskiert auch, sich selbst zu hinterfragen.
Gleichzeitig liegt darin eine große Stärke. Besonders in einer Welt, die laut, schnell und komplex geworden ist. Vielleicht sind es genau diese leisen Fähigkeiten, die unsere Arbeitswelt und Gesellschaft gerade jetzt braucht.
💬 Wenn Du etwas ergänzen möchtest, Fragen hast oder einfach einen Gedanken teilen willst, schreib mir.
Apoanimo ist kein fertiges System. Es ist ein Raum. Für Menschen, Gedanken und neue Wege.
Euer Torge 💜
Zur Einordnung:
In den bisherigen Impulsen wurden Perspektivwechsel und Perspektivübernahme bewusst etwas vereinfacht dargestellt. Der Begriff Perspektivwechsel ist ein eher alltagstauglicher Begriff, der oft pragmatisch als Synonym genutzt wird. Fachlich gesehen (Psychologie) gehören beide Aspekte zur Perspektivübernahme. Unterschieden wird je nachdem, ob es um das Denken (kognitiv) oder das Fühlen (affektiv) geht. Die wissenschaftlich genauere Trennung liegt also innerhalb der Perspektivübernahme und nicht zwischen Perspektivwechsel und -übernahme. Für den Alltag bleibt die vereinfachte Unterscheidung trotzdem hilfreich und anschlussfähig.
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